Balzac und die kleine chinesische Schneiderin![]() |
![]() |
Balzac und die kleine chinesische Schneiderin Dai Sijie Was macht Balzac in China? Genauer gefragt, wie finden Balzac und ein junge Chinesin zueinander? - Durch Luo, einen jungen Arztsohn. Luo ist kein Intellektueller, nicht einmal ein Student, aber dennoch gehört er zu den Tausenden, die von Mao aufs Land geschickt wurden, um durch die Verrichtung schwerster körperlicher Arbeit den Idealen des Kommunismus näher zu sein. In einem abgelegenen Bergdorf, fern vom Rest der Welt, fristen er und sein Freund ein karges Dasein. Eine Geige, die sie vor dem Feuer retten konnten, ist ihr einziger Trost; andere Zerstreuungen gibt es nicht, und Bücher sind schon lange verboten. Da verfallen die jungen Leute auf die Idee, Kinofilme nachzuspielen. Die Begeisterung der Dorfbewohner verschafft den beiden das Privileg, ab und an eine Kinovorführung im Tal zu besuchen und sich auch sonst freier bewegen zu dürfen. Sie treffen auf ein keckes junges Mädchen, eine Schneidertochter, in die Luo sich heftig verliebt. Sie finden aber auch einen Koffer voller Bücher, samt und sonders die geschmähte westliche Literatur, versteckt im Gepäck eines Leidensgenossen. Aus Angst läßt der Literat den Koffer verschwinden; aber Luo und sein Freund schaffen es, durch Gefälligkeiten, die sie dem unbeholfenen Bücherwurm erweisen, ihm Teile seines Schatzes abzutrotzen. Ihr Erfindungsreichtum kennt keine Grenzen. Ganze Kapitel von Balzacs Werken werden auf die Innenseiten ihrer Winterjacken geschrieben. Sogar ein Staatsbesuch eines hohen maoistischen Funktionärs wird von den beiden inszeniert, winkt als Belohnung doch die Lektüre eines unbekannten Buches. Auch die kleine Schneiderin, längst ist sie die Geliebte Luos geworden, teilt das verbotene Tun des Lesens. Eine Tragödie bahnt sich an, als der Bücherwurm die Wildnis verlassen und in sein fernes Zuhause zurückkehren darf. Um sich den unschätzbar wertvollen Koffer zu bewahren, ist das ganze Geschick der drei gefragt. Die Geschichte von "Balzac und der kleinen chinesischen Schneiderin" ist eine kleine, aber bewegende Geschichte. Die Episoden um die Bücherbeschaffung lassen den Leser schmunzeln; jedoch ist das Leben der Freunde alles andere als heiter. Auch grausame und tragische Dinge geschehen in diesem Roman, der das harte Leben junger Menschen auf der Suche nach Freude schildert. Was sie finden, ist die Liebe - die Liebe zu einem jungen Mädchen, mit aller Freude und allem Leid, aber auch die Liebe zu Büchern, deren Gestalten ihre eigenen Gefühle aussprechbar werden lassen. Das Figaro Magazine hat das Buch mit gutem Grund als die schönste Liebesgeschichte des Jahres bezeichnet. Der Autor Dai Sijie wurde geboren 1954 in China. Von 1971 bis 1974 wurde er im Zuge der kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf verschickt. Nach Maos Tod studierte Dai Sijie Kunstgeschichte und emigrierte 1984 nach Paris. Bisher hatte sich Dai Sijie als Filmemacher einen Namen gemacht. Dies ist sein erster Roman; er hat ihn nicht in seiner Muttersprache, sondern auf französisch verfasst. Jürgen Garrecht Residenz-Buchhandlung Weilburg
Dai Sijie
„Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" Piper Verlag, EUR 17,90 (DM 35,01) |